
InZOI
Ist InZOI der bessere Sims-Ersatz? Der Lebenssimulator im Early Access zeigt fotorealistische Grafik und frische Ideen im Test.
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Sandfall Interactive hat sich für ihr Debüt eine Prämisse ausgesucht, die so deprimierend wie faszinierend ist: Einmal im Jahr pinselt eine übermächtige Malerin eine Zahl auf einen Monolithen und jeder, der dieses Alter erreicht hat, zerfällt zu Staub. In Clair Obscur: Expedition 33 begleiten wir die titelgebende Truppe auf ihrem Himmelfahrtskommando, um dieser Dame das Handwerk zu legen, bevor sie die nächste Zahl auf die Leinwand klatscht. Es ist ein Szenario, das sofort zündet, weil der Zeitdruck nicht nur eine Mechanik, sondern das emotionale Rückgrat der gesamten Reise ist. Wer hier ein klassisches, gemütliches Runden-RPG erwartet, sollte seinen Kaffee allerdings ganz schnell austrinken und hellwach werden.
Die Welt von Clair Obscur sieht nicht einfach nur gut aus, sie fühlt sich an wie ein Fiebertraum aus der Belle Époque, der mit einer ordentlichen Portion Surrealismus gekreuzt wurde. Anstatt der üblichen generischen Fantasy-Wälder stolpern wir durch Landschaften, die architektonisch und visuell ständig überraschen. Das Worldbuilding ist hier kein bloßes Beiwerk in Textlogs, sondern atmet aus jeder Pore der Umgebung. Die PlayStation 5 darf hier ordentlich die Muskeln spielen lassen, denn die Detaildichte in den zerfallenden Städten und bizarren Naturpanoramen ist schlichtweg atemberaubend. Man merkt an jeder Ecke, dass hier Künstler am Werk waren, die keine Lust auf das Standard-Repertoire hatten und stattdessen eine melancholische, fast schon greifbare Endzeitstimmung erschaffen wollten.
Das Herzstück ist das Kampfsystem, das die Entwickler als reaktive Runde bezeichnen. Vergessen wir das typische „Ich drück Bestätigen und schau dann drei Minuten zu, wie mein Charakter eine Animation abspielt“. Hier ist permanente Aufmerksamkeit gefragt. Wenn der Gegner ausholt, müssen wir im richtigen Moment parieren oder ausweichen. Das Timing ist gnadenlos, belohnt uns aber mit Kontern, die das Blatt innerhalb einer Sekunde wenden können. Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte jemand die DNA von Paper Mario mit der Intensität eines Souls-Likes und dem strategischen Tiefgang von Final Fantasy gemischt. Das sorgt dafür, dass sich selbst nach 40 Stunden kein Kampf wie Routine anfühlt, weil man immer diesen einen perfekten Parry landen will, der den Flow am Leben hält.
Die Charaktere rund um Protagonist Gustave sind keine Helden von der Stange, die mal eben die Welt retten wollen, weil es im Skript steht. Man spürt die Verzweiflung und die Last der Verantwortung in fast jedem Dialog. Die Dynamik innerhalb der Clair Obscur: Expedition 33 wächst organisch, wobei besonders die ruhigen Momente am Lagerfeuer oder zwischen den Kämpfen hängen bleiben. Es ist eine Geschichte über Verlust und den verzweifelten Versuch, der eigenen Endlichkeit etwas entgegenzusetzen. Dass die Truppe dabei nicht in Kitsch versinkt, liegt am starken Writing, das die Balance zwischen epischer Tragweite und persönlichen Tragödien hält. Es ist selten, dass mich das Schicksal einer Party in einem Rollenspiel so früh so fest im Griff hatte.
Natürlich läuft bei einem so ambitionierten Projekt nicht alles komplett rund. Das User Interface wirkt an manchen Stellen ein wenig überladen, als wollte man dem Spieler jede Information gleichzeitig ins Gesicht drücken. Es sind kleine Kratzer im Lack eines ansonsten fast makellosen Kunstwerks. Wer mit dem Timing-Aspekt überhaupt nicht warm wird, könnte zudem frustriert werden, da das Spiel wenig Spielraum für Fehlreaktionen lässt. Man muss sich auf diesen Tanz einlassen wollen, sonst wird die Expedition zum Frustmarathon. Das System ist kompromisslos: Wer die Mechanik nicht meistert, sieht den Game-Over-Bildschirm öfter als ihm lieb ist.
Nach etwa 40 Stunden bleibt das Gefühl zurück, gerade etwas wirklich Besonderes erlebt zu haben. Clair Obscur: Expedition 33 ist nicht nur ein technisch beeindruckendes Rollenspiel, sondern ein mutiges Statement. Es zeigt, dass man das rundenbasierte Genre nicht neu erfinden muss, um es modern und frisch wirken zu lassen, man muss es nur mit genug Leidenschaft und einer Prise Wahnsinn würzen. Wer eine PS5 besitzt und auch nur ansatzweise etwas für tiefgründige Geschichten und fordernde Kämpfe übrig hat, kommt an diesem Trip nicht vorbei. Es ist eines dieser Spiele, bei denen man nach dem Abspann erst mal tief durchatmen muss, um die Wucht der Reise zu verarbeiten.

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