
Pragmata
Lohnt sich Pragmata? Im Test zeigt Capcoms Mond-Action, ob Schießen und Hacken im Doppel wirklich aufgehen oder einfach zu sperrig sind.
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Japan, die Neunziger, nächtliche Bergpässe und der Geruch von verbranntem Gummi. Wer bei dieser Beschreibung keine feuchten Augen bekommt, hat vermutlich nie Initial D gesehen oder glaubt ernsthaft, dass Frontantrieb eine legitime Form des Vortriebs ist. JDM: Japanese Drift Master tritt an, um genau dieses spezifische Lebensgefühl einzufangen, das wir sonst nur aus staubigen DVD-Boxen oder alten Arcade-Automaten kennen. Die Erwartungen waren hoch, denn ein reines Drift-Spiel in einer offenen Welt klingt auf dem Papier nach dem feuchten Traum jedes Tuning-Fans.
Die Entwickler fackeln nicht lange und werfen uns direkt in eine Spielwelt, die vor Atmosphäre nur so strotzt. Wir kurven durch enge Gassen, jagen über herbstlich gefärbte Landstraßen und spüren an jeder Ecke die Liebe zum Detail. Es ist nicht die klinisch reine Grafik eines Forza, sondern ein rauerer, authentischer Look, der perfekt zum Thema passt. JDM: Japanese Drift Master will keine Allround-Simulation sein, es will die Nische besetzen, in der man das Auto mit dem Gaspedal lenkt. Das klappt in den ersten Stunden hervorragend, da man förmlich spürt, wie das Gewicht des Wagens beim Lastwechsel von einer Seite auf die andere schwingt. Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge zwischen perfektem Winkel und dem unweigerlichen Kuss mit der Leitplanke.
Das Kernstück ist und bleibt das Driften, und hier zeigt JDM: Japanese Drift Master seine Zähne. Wer glaubt, er könne einfach die Handbremse ziehen und den Rest erledigt die KI, wird schneller in den Graben fliegen, als er „Nani?!“ rufen kann. Das Spielgefühl beim Querfahren ist schlichtweg einzigartig. Jedes Auto in der beachtlichen Auswahl fühlt sich eigen an, hat einen anderen Schwerpunkt und verlangt nach einer individuellen Behandlung am Lenkrad oder Controller. Man merkt, dass hier Enthusiasten am Werk waren, die verstanden haben, dass ein guter Drift nicht nur aus Rauch und Funken besteht, sondern aus feinfühligem Balancieren von Drehzahl und Lenkeinschlag. Dieser Flow, wenn man drei Kurven perfekt aneinanderreiht, ist die Droge, die einen immer wieder zurückholt.
So brillant sich das Spiel anfühlt, solange das Heck ausschlägt, so frustrierend wird es leider, wenn man versucht, ganz normal von A nach B zu fahren. Sobald man Grip aufbaut und eine Kurve klassisch nehmen möchte, offenbart sich die Schwäche der Fahrphysik. Die Boliden wirken dann plötzlich hölzern, fast schon störrisch, als hätten sie vergessen, wie man eigentlich geradeaus fährt. Es ist ein seltsamer Kontrast: In der Kurve eine Ballerina, auf der Geraden ein störrischer Esel. Das schmälert den Fahrspaß in der eigentlich schicken Open World spürbar, da man ständig gezwungen ist, künstlich zu driften, nur um das Gefühl von Kontrolle zu behalten. Hier wäre ein ausgewogeneres Modell wünschenswert gewesen, um auch die Überführungsfahrten zwischen den Events zu genießen.
Abseits der Piste verbringen wir viel Zeit in der Garage, und das ist auch gut so. Die Fahrzeugauswahl ist eine Verbeugung vor der japanischen Tuner-Szene. Von alten Legenden bis hin zu modernen Ikonen ist alles dabei, was Rang und Namen hat. Das Tuning-System ist motivierend und bietet genug Tiefe, um stundenlang an der perfekten Aufhängung zu schrauben, ohne den Gelegenheitsspieler komplett zu erschlagen. Jedes Upgrade ist spürbar, jede Änderung am Sturz wirkt sich direkt auf das Verhalten in der nächsten Haarnadelkurve aus. Das gibt dem Ganzen eine angenehme Progressionskurve, die über den reinen Arcade-Spaß hinausgeht und den Ehrgeiz weckt, das eigene Gefährt zur ultimativen Drift-Maschine zu perfektionieren.
Man muss JDM: Japanese Drift Master zugutehalten, dass es nicht versucht, jedem zu gefallen. Es ist kein Spiel für Leute, die einen klassischen Racer suchen. Es ist ein Spiel für Perfektionisten, für Wiederholungstäter und für Fans der japanischen Autokultur. Die Open World dient dabei eher als hübsche Kulisse für die eigentlichen Herausforderungen und weniger als lebendiger Spielplatz. Das macht aber nichts, denn der Fokus liegt klar auf dem Moment, in dem die Reifen den Grip verlieren. Trotz der Schwächen beim normalen Fahren und kleinerer technischer Ungereimtheiten bleibt am Ende ein Erlebnis, das in dieser Form derzeit kein anderer Titel auf den Asphalt bringt.
JDM: Japanese Drift Master ist eine Liebeserklärung an eine sehr spezielle Art des Motorsports. Wenn man akzeptiert, dass dieses Spiel nur eine Sache wirklich perfekt beherrschen will (und das ist nun mal das Querfahren), dann hat man hier verdammt viel Spaß. Wer hingegen eine physikalisch korrekte Alltags-Simulation erwartet, wird enttäuscht werden. Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich eigentlich nur kurz eine Challenge machen wollte und zwei Stunden später immer noch denselben Pass hoch- und runtergeheizt bin, nur um den einen perfekten Lauf hinzulegen. Das schafft heute kaum noch ein Rennspiel in diesem Maße. Es ist kantig, es ist eigenwillig, aber es hat verdammt viel Seele.
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